Scrum EinfÃŒhrung: Wie fÃŒhre ich Scrum ein? Ein konkreter Leitfaden 👆

10 Min. Lesezeit

👉 Die wichtigsten Fakten zusammengefasst:

  • Bevor Scrum eingefÃŒhrt wird, muss sichergestellt werden, dass es das passende Mittel fÃŒr das Projekt ist und alle Beteiligten den Scrum-Prozess und die Rollen kennen.
  • Ein Product Owner mit einer klaren Produktvision, ein initiales Product Backlog und klare Definitionen von „Ready“ und „Done“ sind empfehlenswert.
  • Scrum fokussiert die Erstellung wertvoller Produkte, nutzt kontinuierliches Feedback zur Optimierung und betont die Bedeutung von kontinuierlicher Verbesserung und Teambuilding.

Lass mich an dieser Stelle davon ausgehen, dass deine Organisation, die Scrum einfÃŒhren möchte, sich bereits mit den Grundlagen der AgilitÀt auseinandergesetzt und diese verstanden und fÃŒr gut befunden hat. Dass AgilitÀt keinen Selbstzweck hat und dass Scrum nicht der Hammer ist, mit dem jede Schraube zum Nagel wird, sollte auch bereits klar sein. Im Idealfall wurde sogar schon geklÀrt, dass das Projekt, das mit Scrum bewÀltigt werden soll, sich ÃŒberhaupt dafÃŒr eignet. Nicht?! Dann wird es Zeit 


1. Stelle sicher, dass Scrum das richtige Mittel ist

Es gibt ArbeitsauftrÀge, bei denen es sinnfrei ist, iterativ-inkrementell vorzugehen, also in kleinen Zyklen von 2-4 Wochen StÌck fÌr StÌck die Software, das Produkt oder den Service zu bauen. Doch genau hierfÌr wurde Scrum erschaffen!

Der Auftrag ist klar, die Anforderungen sind gut beschrieben, ihr habt sowas schon öfter gemacht und es ist unwahrscheinlich, dass es hÀufige Änderungen auf Kundenseite oder große Überraschungen am Markt geben wird? Dann kannst du an dieser Stelle aufhören zu lesen, denn Scrum wird dich und dein Team oder dein Unternehmen an dieser Stelle nicht weiterbringen. Was nicht heißt, dass du AgilitÀt komplett vergessen musst – ein agiles Mindset als Baustein der eigenen Persönlichkeitsentwicklung anzunehmen kann nie schaden, und andere agile Frameworks wie Kanban oder OKR können dir durchaus gute Dienste erweisen.

2. Sorge fÃŒr Klarheit ÃŒber den Scrum-Prozess, die Events und Verantwortlichkeiten

Alle Beteiligten sollten den Ablauf von Scrum in seinen einzelnen Scrum Events verstanden haben. Die Theorie ist nicht so wild – 13 Seiten umfasst der Scrum Guide auf Deutsch. Außerdem musst du dafÃŒr sorgen bzw. dich rÃŒckversichern, dass der Sinn hinter dem Umstieg auf Scrum und die damit schrittweise einhergehende Vermittlung des agilen Mindsets von deinen Leuten verstanden worden ist. Denn wenn der Sinn fehlt, wenn eine VerÀnderung nur als neues Spielzeug des Managements oder sogar als eine Form von Schikane interpretiert wird, dann ist dein Team vermutlich von Anfang an im Widerstand. Was ganz natÃŒrlich ist, aber eben durch klare Kommunikation und Transparenz rechtzeitig verhindert werden kann.

Kleiner Exkurs – denn besonders hervorheben möchte ich den Ausdruck „Event“ statt „Meeting“: Ein hÀufiger Kritikpunkt ist: „ÄÀÀh, da haben wir jetzt ja noch mehr Meetings als vorher!“. Das stimmt nur, wenn man sie nicht richtig aufsetzt. Der Gedanke hinter den Scrum Events ist, dass es außer Refinement, Planning, Dailies, Review und Retro keine weiteren ZusammenkÃŒnfte braucht – außer, ihr mÃŒsst Experten aus dem Umfeld zu Rate ziehen, einen Konflikt mit Stakeholdern – das sind die Menschen, die in irgendeiner Form ein Interesse daran haben, was ihr tut und dass es gut wird! – lösen oder habt AbhÀngigkeiten zu anderen Teams. Das kommt vor, sollte aber eher die Ausnahme als die Regel sein.

Auch wenn Teammitglieder zusÀtzlich noch in einer Linienfunktion arbeiten, können Scrum-Events wie eine Zusatzbelastung wirken. Hier hat dein Scrum Master die Arbeit. Möglicherweise kann ihn der Agile Coach der Organisation dabei unterstÃŒtzen, auf Management-Ebene dafÃŒr zu sorgen, dass Scrum-Teammitglieder zu 100% fÃŒr die Arbeit im Team eingeplant sind. Ein Scrum-Event ist ein zeitlich begrenztes Erlebnis mit einem klaren Ergebnis – etwas, was in sehr vielen klassischen Meetings Wunschdenken ist 


Welche Scrum Accountability, also Verantwortlichkeit fÃŒr was verantwortlich ist, wieso ein Scrum Master auch ein toller Coach und Vermittler sein sollte und der Product Owner kein Projektleiter mit Weisungsbefugnis ist, findest du am besten in einem guten Scrum-Kurs fÃŒr Einsteiger heraus.

3. Bilde ein Team und treffe Software- bzw. Architektur-Entscheidungen

Ein erfolgreiches Scrum-Team ist mehr als nur die Summe seiner Mitglieder. Es benötigt eine Kombination aus verschiedenen FÀhigkeiten und Persönlichkeiten, um effizient und effektiv arbeiten zu können. Das bedeutet, dass Entwickler, Tester, Designer und alle anderen relevanten Rollen eng zusammenarbeiten mÌssen. Dies gilt natÌrlich auch, wenn du Scrum in HR, Vertrieb, oder anderen Bereichen einsetzen willst.

Gleichzeitig solltest du nach Möglichkeit bereits zu Beginn der Reise klare Entscheidungen bezÌglich z.B. verwendeter Software und System-Architektur treffen. Dies bietet dem Team eine klare Richtung und verhindert zukÌnftige Hindernisse. Es geht dabei nicht darum, von Anfang an alles perfekt zu machen, sondern eine solide Basis zu schaffen, auf der das Team aufbauen kann. Denn nur mit einer robusten Architektur lassen sich die Anforderungen des Backlogs effizient umsetzen.

4. Habe einen Product Owner mit Produktvision

Der Product Owner (PO) spielt in Scrum eine entscheidende Rolle. Er ist der HÃŒter der Produktvision und stellt sicher, dass das Team immer am wertvollsten Feature oder Produktmerkmal arbeitet. Doch was bedeutet das genau?

Stell dir die Produktvision als eine Karte vor, die dir den Weg zu deinem Ziel, dem fertigen Produkt, zeigt. Diese Karte hilft dem gesamten Team zu verstehen, wohin die Reise gehen soll. Doch um den besten Startpunkt zu finden und schnelles Feedback zu erhalten, fokussiert sich der PO hÀufig zuerst auf das Minimum Viable Product (MVP). Das MVP ist eine Version des Produkts mit der minimalen Anzahl an Features, die jedoch ausreichend sind, um es den ersten Nutzern zur VerfÌgung zu stellen und wertvolles Feedback zu sammeln. Mit diesem Feedback kann das Produkt dann schrittweise weiterentwickelt und verbessert werden.

Dieses MVP muss nicht zwingend das Ergebnis eures ersten Sprints sein, sondern vielleicht des ersten Quartals. Oft ist ein Feature insgesamt noch nicht vorzeigbar, einzelne FunktionalitÀten können jedoch vorher trotzdem schon demonstriert werden.

5. Bilde ein Backlog und mache ein initiales Refinement

Das Product Backlog ist das KernstÃŒck von Scrum. Es listet alle Features, Anforderungen und Aufgaben auf, die fÃŒr das Produkt umgesetzt werden sollen. Sie werden priorisiert nach ihrem Wert fÃŒr den Kunden oder das Unternehmen. Im Idealfall nutzt du hierfÃŒr keine Excel-Tabelle, sondern direkt ein Scrum-Board – das kann einfach ein Whiteboard mit Klebezetteln sein, heutzutage nehmen die meisten Teams jedoch eine Software wie Jira, Asana oder Azure DevOps, um die KomplexitÀt des Produktes und den Arbeitsfluss in hÀufig regional verteilten Teams abbilden zu können. Mach dir klar, dass sich dieses Backlog stÀndig verÀndert und deshalb gepflegt werden möchte.

Das Anlegen eines Backlogs ist allerdings nur der erste Schritt. Damit dein Team weiß, wie es die verschiedenen EintrÀge umsetzen soll, ist ein initiales Product Backlog Refinement notwendig. Hierbei arbeitet das Team eng mit dem Product Owner zusammen, um ein klareres VerstÀndnis fÃŒr jedes Item zu bekommen. Fragen werden geklÀrt, Details besprochen und Aufgaben geschÀtzt. Dieser Prozess stellt sicher, dass dein Team bestens vorbereitet in den ersten Sprint starten kann und genau weiß, welche Aufgaben es zu erledigen gilt.

6. Schreibe eine Definition of Ready / of Done

Die kleinteilig heruntergebrochenen Aufgaben werden in Scrum als User Stories geschrieben. Doch wann ist eine User Story ÃŒberhaupt so weit, dass du sie fÃŒr einen Sprint einplanen kannst? Gegen welche Kriterien wird sie am Ende abgenommen, wenn die Entwickler „erledigt!“ rufen? Deshalb setzt du dich als nÀchstes mit deinem Team zusammen und ihr ÃŒberlegt, was nötig ist, damit eine Aufgabe wirklich sinnvoll bearbeitet werden kann. Ohne, dass du alle fÃŒnf Minuten losrennen und weitere Fragen klÀren musst – was zu unerwÃŒnschten Meetings samt Verlust wertvoller Entwicklungszeit fÃŒhren wÃŒrde. Wer nimmt das Ticket – als solches legst du die User Story in deinem Scrum-Board an – am Ende ab? Sind alle AbhÀngigkeiten geklÀrt? Welchen KomplexitÀtsgrad in Story Points oder T-Shirt-Größen hat die User Story? Ist sie so beschrieben, dass jedes Teammitglied sie versteht? Welche anderen User Stories stehen damit in Verbindung? Diese und andere Fragen mÃŒssen zu Beginn in der Definition of Ready geklÀrt sein.

Am Ende des Lebenszyklus einer User Story greift dann die Definition of Done: Hier legt ihr gemeinsam fest, welche QualitÀtskriterien, Anforderungen und Dokumentationen (ja, ein nötiges Mindestmaß an Doku gibt’s auch in Scrum!) erfÃŒllt sein mÃŒssen, damit die User Story im Board in die Spalte „done“ gezogen oder ein ganzes Feature dem Kunden gezeigt werden kann.

7. Plane den ersten Sprint und lege los

Jetzt gilt es noch, im ersten Planning ein Ziel fÃŒr die erste Iteration festzulegen. Tipp fÃŒr dich und dein Team: Plant pessimistisch, nehmt euch nicht zu viel vor! Besser ist es, am Anfang ein Erfolgserlebnis zu haben, schrittweise dazuzulernen und von Sprint zu Sprint die Performance zu steigern, als zu Beginn von etwas Neuem das gesamte Team zu frustrieren.

Zuvor braucht es möglicherweise noch ein Refinement, um die Dinge, die sich der Product Owner als Idee fÌr ein Sprintziel ausgeguckt hat, tieferzulegen: Neue Anforderungen? Unklarheiten? Dann ein letztes SchÀtzen fÌr neu hinzugekommene oder Ìberarbeitete User Stories, ein klares Team-Commitment zum Sprintziel, und los geht die Reise! Es geht darum, aus Erfahrung zu lernen, deshalb mÌssen diese Erfahrungen schnellstens gemacht werden.

Das Sprintziel darf und sollen deine Entwickler ÃŒbrigens mit dem Product Owner diskutieren und verhandeln – sie mÃŒssen nicht kommentar- und widerspruchslos annehmen, womit er in die Planungs-Session gekommen ist 
 Die Wahrscheinlichkeit ist größer, dass das Ziel erreicht wird, wenn das gesamte Team dahintersteht.

Es ist ok, wenn es in den ersten Sprints knirscht und qualmt – Autofahren hast du schließlich auch nicht nach zwei Wochen flÃŒssig beherrscht!

8. Erstelle etwas von Wert und achte auf kontinuierliche Verbesserung

In der agilen Welt dreht sich alles um Wert. Es geht darum, nicht nur irgendwas zu erstellen, sondern sicherzustellen, dass das, was dein Team produziert, einen echten Mehrwert fÃŒr die Nutzer oder das Unternehmen bietet. Jede Zeile Code, jedes Design und jede Entscheidung sollten darauf ausgerichtet sein, den größtmöglichen Wert zu liefern.

Doch wie kannst du sicherstellen, dass dies auch tatsÀchlich geschieht? Indem du von Anfang an ein starkes Feedback-System einfÌhrst. Nutze das Feedback deiner Kunden, Nutzer oder Stakeholder, um dein Produkt stetig zu optimieren. Hierbei geht es nicht nur darum, Fehler zu korrigieren, sondern auch darum, neue Möglichkeiten zu erkennen und auf VerÀnderungen im Markt oder bei den NutzerbedÌrfnissen zu reagieren. Das Event, bei dem es um dieses Feedback geht, ist die Review.

Die kontinuierliche Verbesserung sollte jedoch nicht nur das Produkt betreffen, sondern auch das Team und die Arbeitsweise. Scrum bietet mit seiner Retrospektive ein festes Ritual, bei dem das Team regelmÀßig reflektiert, was gut lÀuft und wo es Verbesserungspotential gibt. Nutze diese Gelegenheit, um Prozesse zu optimieren, Kommunikation zu verbessern, Konflikte zu klÀren und HÃŒrden aus dem Weg zu rÀumen.

Jede Retro ist auch gleichzeitig ein Teambuilding und hat – wenn eine offene Fehlerkultur gelebt wird, psychologische Sicherheit existiert und das agile Mindset wachsen darf – einen enormen Einfluss auf den Erfolg und den Weg hin zu einem hoch performanten Team.

Scrum-EinfÃŒhrung: Und wie mache ich das nun ganz konkret?

Der schönste Weg ist es natÃŒrlich, sich mit dem Scrum-Team in spe oder den Menschen, die sich zu Teams zusammenfinden sollen, persönlich zu treffen. Im Idealfall habt ihr einen erfahrenen Agile Coach an eurer Seite und 1-3 Tage Zeit, um die Grundlagen von Scrum in einem Training zu lernen und euch in einem Workshop als Team(s) aufzustellen, die Produktvision, die System-Architektur, die Auswahl der Tools wie Jira, Asana oder Azure DevOps zu besprechen. Auch danach wird es noch ein bisschen dauern, bis ihr euren ersten Sprint starten könnt: Scrum Master und Product Owner brauchen möglicherweise Einzelcoachings, das Product Backlog muss erstellt werden, Epics oder Features in User Stories runtergebrochen werden. Die Workshops fÃŒr Definition of Done / Ready macht ihr an einem anderen Tag. Doch es ist durchaus möglich, innerhalb von zwei bis vier Wochen als Team startklar zu sein fÃŒr das Abenteuer „erster Sprint“.

💁 Unser Fazit:

Um Scrum wirklich anzuwenden, solltest du den sehr Ìbersichtlichen Prozess des Frameworks verinnerlichen und am besten direkt loslegen. Du möchtest zertifizierter Scrum Master oder Product Owner werden?
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👆 FAQ - HÀufig gestellte Fragen

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✍ Über den Autor

Sylvia Pietzko

Scrum Master und Agile Coach

Sylvia ist Consultant bei den Agile Heroes und unterstÃŒtzt als Scrum Master und Agile Coach ihre Kunden in spannenden Projekten.

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